Die Lempi

Die Sage von der Hexe von Benau.

Die untergegangene Stadt Benau Droben auf dem Schwarzenbruch liegt ein Gewann, das den Namen „Kirchhof“ führt. Dort soll in urdenklichen Zeiten die Stadt Benau gestanden haben. Auf der entgegengesetzten Seite, amäußersten Ende des Kupferberges, unfern des Waldsees, liegt wiederum ein ödes Berggewann, welches den Namen „Heidenstadt“ führt. Beide, Kirchhof und Heidenstadt, bringt die Volksüberlieferung in Beziehung, obwohl sie wegen ihrer räumlichen Entfernung nie einen Zusammenhang gehabt haben können. Trotzdem heute ein mehr als 5 km langer und hoher Gebirgsrücken die beiden Orte trennt, erzählt die Überlieferung von einem großen See, der einst beide Städte mit einander verbunden haben soll. Während über die mit Gestrüpp und Wald bewachsene Heiden stadt außer dem Namen nichts bekannt ist, weiß der Volksmund über Benau schon mehr zu erzählen.
Auf dem Raume, wo die Stadt gestanden haben soll, befinden sich heute stattliche Höfe nebst kleineren Ansiedlungen. Nach mehrfacher Ansicht soll diese angebliche Gebirgsstadt eine römische Niederlassung mit Kastell und Standlager gewesen sein, welche aber von christlichen Veteranen bewohnt war. Mit der Vertreibung der Römer ging auch diese Ansiedlung wieder ein und die Befestigungen wurden zerstört.
Da aber auch schon etliche Talbewohner das Christentum angenommen hatten, wurde aus religiöser Scheu das Kirchlein bei der allgemeinen Verwüstung verschont. Heimlich kamen christliche Germanen zur Sommerszeit an Festtagen dort oben zusammen, um ungesehen von den heidnischen Stammesgenossen dort ihre Andacht zu verrichten. Wohl hatten auch hin und wiederheidnische Umwohner aus der Bergstätte herab den feierlichen Gesang der christlichen Gemeinde belauscht.
Niemand von ihnen aber wagte es, den Bannkreis der geheimnisvollen Stätte zu betreten.
Allmählich bildete sich die Sage von der Hexe von Benau und verursachte unter der abergläubischen Bevölkerung noch mehr Scheu von der unheimlichen Stätte und dem geheimnisvollen Treiben daselbst. Ein vorwitziges Weib hatte es gewagt, das Heiligtum der Christen freventlich zu betreten und die Hand an die heilige Gefäße zu legen. Cyriakus, des Kirchleins Schutzheiliger, aber trat ihr entgegen, und nun ging die Sage um, dieses Weib, die „alte Lempi“ genannt, gehe seit der Zeit dort oben als Geist um und setze sich jedem auf den Rücken, der sich in böswilliger Absicht dem Kirchlein nähere und quäle ihn solange, bis er wieder aus dem Bannkreis sei.

Als dann im Laufe der Jahrhunderte das Christentum allgemein zur herrschenden Religion wurde, erstanden in den umliegenden Orten nach und nach eigene Pfarrkirchen. Die regelmäßigen Zusammenkünfte bei der alten Waldkapelle im ehemaligen Benau hörten allmählich auf und das Kirchlein geriet nach und nach in Verfall. Die Bausteine wurden zu anderweitigen kirchlichen Bauten verwendet. Der größte Teil kam nach Rankach und diente als Baumaterial für die dort noch heute stehende Kapelle…

Dr. Kurt-Erich Maier, 1958Auszug aus - Die Geschichte einer Schwarzwaldgemeinde im Wolftal. Herausgeber Gemeinde Oberwolfach.